Albanien
Kalte Luft, gedämpfte Beleuchtung und dicke Betonwände vermitteln ein Gefühl von Isolation und Enge. Wir befinden uns nahe Tirana, der Hauptstadt Albaniens, tief unter der Erde in einem Bunker. Hier gibt die Ausstellung „Bunk‘art“ einen bewegenden Einblick in die Geschichte Albaniens während der kommunistischen Diktatur unter Enver Hoxha. In dieser Periode wurde das Land zu einer der isoliertesten Nationen in Europa.
Die streng geheime Bunkeranlage wurde errichtet, um die wichtigsten Führer des Landes sowie bis zu 300 Militärangehörige vor möglichen Angriffen von außen zu schützen. Es handelt sich nicht um einen einfachen Schutzraum, sondern um einen gigantischen unterirdischen Komplex: fünf Stockwerke tief, über hundert Räume, gebaut in den 1970er Jahren als Vorsorge für den Ernstfall eines Atomkriegs. Damit hier Menschen über einen längeren Zeitraum von der Außenwelt abgeschottet leben und arbeiten konnten, gab es umfangreiche technische Vorkehrungen für Stromversorgung und Belüftung. Eine Vielzahl technischer Geräte diente außerdem dazu, die eigene Bevölkerung systematisch zu überwachen und zu bespitzeln.

Alle Räume sind heute noch originalgetreu eingerichtet – von Büros über Schlafräume bis hin zu Kommunikationszentren. Es wirkt, als wäre der Ort gerade noch in Betrieb gewesen: Telefone, Karten, Möbel – Relikte aus Albaniens dunkelster Zeit. Besonders eindrucksvoll ist der Raum des Diktators selbst. Hier wird die Geschichte fast greifbar: Wir hören Tonaufnahmen, sehen Filmsequenzen und bekommen so ein Gefühl für die Machtstruktur des Regimes.
Ein Rundgang durch die Anlage ist keine leichte Kost. Die vielen Dokumente mit tragischen Inhalten, die Kunstinstallationen und die Kombination aus Enge und Dunkelheit erzeugen eine intensive und beklemmende Atmosphäre. Es geht um Angst, Isolation und Kontrolle – Themen, die hier nicht nur gezeigt, sondern regelrecht spürbar gemacht werden und starke Emotionen hervorrufen.
Pulsierende Hauptstadt im Wandel
Der Weg hinaus ans Tageslicht wirkt befreiend. Gleichsam ein symbolischer Übergang: vom dunklen, bedrückenden Inneren des Bunkers zurück in die lebendige Gegenwart. Wir sind erstaunt, wie offen und dynamisch sich Tirana präsentiert. Hier existieren Vergangenheit und Gegenwart eng miteinander verflochten: Neben schäbigen Plattenbauten aus der kommunistischen Ära stehen moderne Hochhäuser mit teilweise futuristisch wirkenden Fassaden. Besonders originell ist die Buntheit der Stadt. Viele Gebäude wurden in kräftigen Farben gestrichen. Das ist das Ergebnis einer künstlerischen Initiative aus dem Jahr 2000, initiiert vom damaligen Bürgermeister Edi Rama, um dem grauen Erbe der Vergangenheit etwas entgegenzusetzen. Diese farbenfrohen Fassaden sind heute ein Markenzeichen der Stadt und ein Symbol für den Wandel.

Im Zentrum liegt der Skanderbeg-Platz, der nach dem albanischen Nationalhelden benannt ist. Er ist die Symbolfigur des Widerstands gegen die Osmanen im 15. Jahrhundert. Ihm gelang es, die albanischen Fürsten zu vereinen und die Osmanen über viele Jahre zurückzudrängen. Obwohl sie nach seinem Tod im Jahr 1468 doch noch die Kontrolle über große Gebiete erlangten, blieb sein Kampf ein zentrales Symbol für Unabhängigkeit und nationale Einheit.
Die osmanische Herrschaft, die mehrere Jahrhunderte andauerte, prägte Albanien tiefgreifend: Ein bedeutender Teil der Bevölkerung trat zum Islam über, während andere Albaner katholisch oder orthodox blieben. Diese religiöse Vielfalt ist bis heute ein charakteristisches Merkmal des Landes. So gibt es auch in Tirana etliche Moscheen und albanisch-orthodoxe Kirchen.

Besonders auffallend die Wandmalereien in der Ethem-Bey-Moschee: Die Fresken zeigen Pflanzenornamente, Blumen und Bäume, aber auch eine Darstellung von Istanbul sowie Wasserfälle und Brücken. Solche Darstellungen sind selten in der islamischen Kunst, die üblicherweise von nicht-bildhafter Ornamentik geprägt ist. Nicht weit entfernt davon steht der Sitz des Erzbischofs – die moderne Kathedrale der Wiederauferstehung Christi. Der daneben befindliche Glockenturm besteht aus vier überdimensionierten Osterkerzen, die die vier Evangelisten symbolisieren. Die örtliche Nähe zeigt, dass ein friedliches Nebeneinander möglich ist.
Interessant ist auch der Spaziergang im ehemaligen Blloku-Viertel. Früher war diese Zone der kommunistischen Elite vorbehalten und für normale Bürger unzugänglich. Heute ist sie eines der modernsten und lebendigsten Viertel der Stadt. Restaurants, Cafés und Bars reihen sich aneinander, junge Menschen sitzen auf Terrassen, bis spät in die Nacht wird dort Musik gespielt. Diese Wandlung vom abgeschotteten Machtzentrum zum offenen Treffpunkt ist auch ein Symbol: Tirana ist eine pulsierende Hauptstadt zwischen Vergangenheit und Aufbruch – ein Ort voller Dynamik und Wandel.
Apollonia – eine Reise in die Antike
Auf den Spuren der Geschichte geht die Reise weiter: Ungefähr 120 Kilometer südlich von Tirana befindet sich mit der antiken Stadt Apollonia ein historisch bedeutsamer Ort. Sie wurde im 6. vorchristlichen Jahrhundert von griechischen Kolonisten gegründet und entwickelte sich rasch zu einer wichtigen Handels- und Kulturmetropole. Ihre Lage nahe der Adriaküste machte sie zu einem strategischen Knotenpunkt zwischen Griechenland und dem illyrischen Hinterland.
Die Illyrer gelten als eine der ältesten bekannten Bevölkerungsgruppen Südosteuropas. Als Vorfahren der heutigen Albaner spielen sie für die nationale Identität eine wichtige Rolle, da sie als Symbol für die Kontinuität der Besiedlung und kulturellen Entwicklung gesehen werden.

Eingebettet in eine grüne, hügelige Landschaft erstreckt sich die Ausgrabungsstätte über ein großes Areal. Besonders eindrucksvoll ist das Bouleuterion, das antike Ratsgebäude. Die Säulen stehen noch aufrecht und vermitteln eine Ahnung von der einstigen Pracht. An diesem Platz wurden Debatten geführt und politische Entscheidungen getroffen. Bildung und Philosophie hatten in Apollonia stets einen hohen Stellenwert. Davon zeugt auch, dass der junge Octavian, der spätere Kaiser Augustus, hier studierte.
Die Stadt der tausend Fenster …
Auf eine weit über 2.000 Jahre alte Geschichte blickt auch die UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt Berat zurück. Die Illyrer gründeten auf dem Burgberg eine befestigte Siedlung, weil man von hier den schmalen Fluss Osum gut kontrollieren konnte. Wir wandern den steilen Weg hinauf auf den Kala (eine Bezeichnung aus der osmanischen Zeit). Der Aufstieg ist anstrengend, aber lohnend: Von den Burgmauern aus bietet sich uns ein eindrucksvolles ein Panorama, die gesamte Stadt liegt uns zu Füßen, und der Osum zieht sich wie ein silbernes Band durchs Tal. Auf zwei Berghängen diesseits und jenseits des Flusses liegen die Viertel Gorica und Mangalem.

Besonders in Mangalem unterhalb der Burg hat man den Eindruck, in eine andere Zeit einzutauchen. Die Gassen mit Kopfsteinpflaster sind eng und teilweise sehr steil. Weltliche osmanische Architektur, byzantinische Kirchen und elegante Moscheen prägen das Stadtbild. Wegen der vielen großen Fenster, die die dicht an dicht gebauten Häuser der Altstadt schmücken, wird Berat auch als „Stadt der tausend Fenster“ bezeichnet. Ein kulturelles Highlight ist das Onufri-Museum, das sich in der „Kirche der Entschlafung der Heiligen Maria“ befindet. Onufri war einer der bedeutendsten Ikonenmaler des 16. Jahrhunderts. Ab 1547 arbeitete er für mehrere Jahre in Berat. Er begründete eine eigene Malereischule und eine Werkstatt, die von seinem Sohn Nikolla weitergeführt wurde. Im Museum können wir viele Kunstwerke der beiden bewundern.

… und die Stadt der Steine
Ebenfalls ein bedeutender historischer Ort ist Gjirokastra. Die Eroberung der Stadt durch das Osmanische Reich 1419 beeinflusste das Stadtbild stark. In Südosteuropa ist kaum ein osmanisch geprägter Ort so gut erhalten wie dieser. Schon der Rundgang durch das enge Netz der steilen, gepflasterten Gassen versetzt einen in vergangene Zeiten. Nicht nur die Hausmauern, sondern auch die Dächer bestehen aus grauem Kalkstein der Region. Daher ist Gjirokastra als „Stadt der Steine“ bekannt und wurde wie Berat wegen seiner besonderen mittelalterlichen Architektur zum Weltkulturerbe erklärt.

Im Stadtteil Palorto werden die Straßen von Wehrhäusern gesäumt. Am oberen Stadtrand steht das berühmte Zekate-Haus wie eine kleine Festung. Es ist ein Doppelflügelhaus und wurde Anfang des 19. Jahrhunderts für den wohlhabenden Beamten Beqir Zeko erbaut. Das Gebäude gilt nicht nur als eines der schönsten Beispiele osmanischer Architektur in Albanien, sondern erzählt gleichsam die Geschichte des Landes: Einst ein Symbol für Macht und Wohlstand, wurde es später enteignet und schließlich von der Familie wieder zurückerlangt und als Museum zugänglich gemacht.
Es ist heute ein Fenster in die Vergangenheit, ein lebendiges Zeugnis des Lebens im 19. Jahrhundert. Der Rundgang vermittelt eine Vorstellung, wie das Leben und die Traditionen einer albanischen Großfamilie ausgesehen haben. Das dreistöckige Turmhaus verfügt im Erdgeschoß über eine Abstellkammer, eine Küche und eine Zisterne. Über eine knarrende Holztreppe gelangt man nach oben zu den Wohnräumen. In jedem Stock erzählt uns der Besitzer, der das Gebäude aus eigenen Mitteln erhalten muss, Geschichten aus der Vergangenheit: vom Alltagsleben früher und der Arbeit bis hin zu festlichen Anlässen.

Besonders beeindruckend ist der große Raum in der obersten Etage. Hier wurden einst Gäste empfangen und Feste gefeiert. Freskenwände, reich verzierte Decken, kunstvolle Holzschnitzereien und der prächtige Kamin vermitteln einen Eindruck vom Wohlstand der damaligen Besitzer. Der Boden ist mit kunstvoll gewebten Teppichen ausgelegt, und die bunten Sofas laden zum Verweilen ein. Wir treten auf den Balkon und haben einen spektakulären Blick über die Dachlandschaft der Stadt und das Tal des Drino-Flusses.
Die unberührte Schönheit Albaniens
Das kleine Balkanland beeindruckt aber nicht nur durch seine Geschichte, sondern auch durch seine unberührte Natur. Je weiter wir uns von der Hauptstadt entfernen, desto deutlicher wird die landschaftliche Schönheit Albaniens. Sanfte Hügel wechseln sich mit Bergen ab, kleine Dörfer liegen verstreut in grünen Tälern, wir sehen Olivenhaine, Felder und Weingärten. Da Albanien vor allem abseits der Küste dünn besiedelt ist, kann die Natur effektiv geschützt werden. So gibt es verschiedene Nationalparks, Landschaftsschutzgebiete und Naturreservate.
Nach Gjirokastra fahren wir längere Zeit entlang der Vjosa. Anders als viele Flüsse Europas ist die Vjosa weitgehend ungezähmt, keine großen Staudämme unterbrechen ihren Lauf. Sie gilt als einer der letzten Wildflüsse und wurde 2023 zum ersten Wildfluss-Nationalpark Europas erklärt.
Am Fluss Langarica in der Nähe der kleinen Stadt Permet begegnen wir wieder der Vergangenheit: Hier spannt sich die osmanische Kadiu-Brücke elegant über den Fluss. Diese mächtige Steinbogenbrücke stammt aus dem 18. Jahrhundert. Nur wenige Schritte weiter haben wir ein ganz anderes Erlebnis: die Benje-Thermalquellen. Zwischen Felsen und Fluss liegen mehrere kleine Becken, die durch natürliche und teilweise auch künstliche Steinwände begrenzt sind.

Das Wasser ist angenehm warm, 23 bis 32 Grad, und riecht nach Schwefel. Einige von uns setzen sich in das Thermalwasser und genießen die Stille ringsherum. Wenn man aus dem warmen Wasser steigt, ist man gleich im kalten Bergfluss – wie bei einer Kneipp-Kur.
Vogelbeobachtungen am Shkodrasee
Um das Element Wasser geht es auch bei einem weiteren Erlebnis: Bootsfahrten auf dem Shkodrasee bringen uns nicht nur in die angrenzenden Nachbarstaaten, sondern bieten auch die Chance auf interessante Vogelbeobachtungen.
Der See ist das größte Binnengewässer des Balkans, er erstreckt sich zwischen Albanien und Montenegro und bietet eine beeindruckende Vielfalt an Lebensräumen. Je weiter wir uns vom Ufer entfernen, desto deutlicher wird die Weite des Sees. Das Wasser ist ruhig, und die umliegenden Berge spiegeln sich wie Gemälde im Wasser. Langsam gleiten wir durch ausgedehnte Schilfgürtel und weite See- und Teichrosenfelder. Große Flächen sind mit grünen Blättern bedeckt, aus denen weiße und gelbe Blüten herausragen.

Der See beherbergt über 200 Vogelarten und ist ein wahres Paradies für Vogelbeobachter. Besonders beeindruckend ist die Mischung aus Standvögeln, Zugvögeln und seltenen Arten: Graureiher stehen regungslos im seichten Wasser, während Kormorane auf abgestorbenen Ästen ihre Flügel trocknen. Auch Haubentaucher, Blässhühner und Nachtreiher bekommen wir vor unsere Objektive.
Über der offenen Wasserfläche kreisen Möwen und Seeschwalben, während im Hintergrund ein Seeadler majestätisch seine Runden zieht. Auch eine Gruppe von Pelikanen fliegt in Formation über den See. Immer wieder fliegen auch kleine Gruppen von Zwergscharben dicht über das Wasser – eine Art, die hier eines ihrer wichtigsten Brutgebiete in Europa hat.

Ein besonderes Highlight ist für uns die Sichtung eines Krauskopfpelikans. Diese seltene und majestätische Vogelart zählt zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Wir beobachteten ihn aus sicherer Entfernung, wie er gemächlich über das Wasser gleitet und schließlich landet.
Beim Abendessen am See bietet sich uns zum Abschied ein eindrucksvolles Naturschauspiel: Die Sonne versinkt langsam hinter den Hügeln, das Wasser verändert nun unaufhörlich seine Farbe: von Blau zu Orange, von Rosa zu Violett, und schließlich wird der See in ein warmes goldenes Licht getaucht. Ein wunderbarer Ausklang unserer Reise durch ein Land, das sich in vielerlei Hinsicht zwischen Vergangenheit und Zukunft bewegt.
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