Frankreich

Mit dem Hausboot am Canal du Midi
Kundentermine, Meetings, Mitarbeiterbesprechungen, eine lange Telefonliste – ein voller Terminkalender und Zeitdruck. Das ist typisch für den Manageralltag. Szenenwechsel: Geruhsame Stunden am Sonnendeck, die Landschaft genießen, an der man langsam vorbeigleitet. Der Gang der Welt in Zeitlupe. Das ist typisch für eine Hausbootfahrt.

Diese Art von Ferien ist beschaulich und bietet Erholung pur. Und dennoch gibt es viele Parallelen zwischen dem „Manager im Business“ und dem „Freizeitkapitän am Hausboot“…

Am Begin steht eine gute Planung

„Planung ist die gedankliche Vorwegnahme der Zukunft“ Auch für eine Hausbootfahrt bildet eine gewissenhafte Planung den Grundstein für den Erfolg:

  • Wie viel Zeit hat man zur Verfügung ?
  • Welches Land und welche Region möchte man bereisen ?
  • Wo befindet sich eine Bootsbasis für die Abfahrt ?
  • Wie organisiert man die Anreise ?
  • Möchte man auf dem Wasserweg hin- und zurück fahren oder lieber eine Einwegfahrt unternehmen?

Das alles sind Beispiele für Fragen, die es zu klären gilt. Und nicht zu vergessen: Wie viele Schleusen weist die ins Auge gefasste Route auf? Denn Schleusen kostet Zeit – und die muss man einplanen. Sonst hat man bei der Zeit- und Routenplanung völlig freie Hand. Ein Fixpunkt ist lediglich der vereinbarte Termin an der vereinbarten Basis, an der das Boot wieder zurückgegeben werden muss.

Das Boot – die schwimmende Ferienwohnung

Naturgemäß verbringt man bei Bootsferien viel Zeit auf dem Hausboot. Um dieses „Zuhause auf dem Wasser“ so bequem wie möglich zu gestalten ist die Auswahl des Bootstyps eine wichtige Entscheidung. Technik, Raumangebot und Ausstattung sind dabei wesentliche Kriterien. Die verschiedenen Bootstypen bieten eine bis fünf Kabinen, zum Teil mit eigenen Sanitärzellen.

Wichtig war für uns, dass wir neben dem Steuerstand im Inneren auch einen Steuerstand auf dem Oberdeck hatten. So lassen sich Wasserstraße und Landschaft herrlich überschauen. Außerdem ist das Oberdeck während der Fahrt ein beliebter Treff- und Kommunikationsplatz. Eine nette Ergänzung für Abwechslung und Mobilität sind Fahrräder an Bord. Man findet genug Platz dafür.

Das Team an Bord

Neben der Routenplanung und Bootauswahl ist die „Zusammensetzung der Crew“ ein ganz wesentlicher Aspekt für einen harmonischen Urlaub. Ob die eigenen Familienmitglieder oder Freunde – vom Teamgeist der Mannschaft hängt viel ab. Nicht „Toll Ein Anderer Machts“, sondern „Totaler Einsatz Aller Mitfahrenden“ lautet die Devise.

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Jeder muss anpacken und niemand darf sich für eine Aufgabe zu gut sein. Und auch der Humor sollte nicht zu kurz kommen. Mit einem Wort: Bei einer Hausbootfahrt ist funktionierender Teamgeist und gegenseitige Rücksichtnahme gefragt. Jeder Captain ist nur so gut wie seine Crew.

Unser Projekt: Der Canal du Midi

Bei der Routenplanung war rasch Einigung erzielt: Eine Fahrt in Frankreich am Canal du Midi mit seinen zahlreichen Sehenswürdigkeiten. Dieser 240 km lange Kanal ist Europas ältester künstlicher Wasserweg. Bereits in der Antike war es der Traum der Menschen, das Mittelmeer mit dem Antlantik zu verbinden. Doch erst im 17. Jhdt. Konnte dieses Monsterprojekt realisiert werden. Im Jahre 1667 begann der Franzose Pierre-Paul Riquet, Freiherr von Bonrepos mit den Bauarbeiten, bei denen rund 4.000 Menschen beschäftigt waren. Riquet war begeisterter Techniker, der sowohl die Wasserversorgung als auch die Art der Schleusen plante. Diese haben am Canal du Midi vielfach ovale Form, damit die Wände dem Druck des Erdreiches besser standhalten können. Neben dem Eifelturm gilt dieses Bauwerk als eines der größten baulichen Meisterwerke Frankreichs und wurde bei seiner Eröffnung als „achtes Weltwunder“ bezeichnet. In der Zwischenzeit wurde der Kanal von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt.

Aufgrund der gemeinsam festgelegten Auswahlkriterien entschieden wir uns für ein Hausboot von „le boat“. Die „Crusader 6“ bot mit drei Kabinen (jeweils mit eigener Dusche und WC) bequemen Platz für uns alle. Bereits beim ersten Anblick im Abfahrtshafen von Cassafieres hatte ich unser schwimmendes Zuhause ins Herz geschlossen.

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Es war das, was ich mir unter einem gemütlichen Boot vorstellte: nicht zu modern, nicht extravagant – aber alles sehr durchdacht und praktisch konzipiert. Mit systematischem Raummanagement fanden unser Gepäck und alle Vorräte, die wir in Frankreich besorgt hatten, ihren Platz. Bettwäsche, Handtücher, Sicherheitsanweisungen befanden sich bereits an Bord, die Küche mit Geschirr, Gläser, Töpfe und Pfannen komplett ausgerüstet. Außerdem gab es einen Gasherd sowie einen Kühlschrank. Neben Tisch, Sesseln und Sonnenschirm hatten wir auch zwei Fahrräder auf dem Oberdeck.

Idylle am Wasser

Gemütlich tuckern wir mit etwa 10-Stunden-km dahin und lassen die Landschaft an uns vorbeiziehen. Große Weinfelder wechseln sich ab mit gelb leuchtenden Sonnenblumenfelder. Zwischen den Bäumen die Kirchtürmer kleiner Ortschaften. Freundlich winken uns die Menschen auf den entgegenkommenden Booten zu – und wir grüßen auch die Radfahrer am Treppelweg. Und zwischendurch bleibt immer Zeit für einen kleinen Kaffee am Sonnendeck. Mit einem Wort: eine friedliche, geruhsame Idylle am Wasser. Weit weg sind die Hektik der Städte und die Staus auf den Straßen.

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An vielen Stellen ist der Canal du Midi von hohen Platanenalleen gesäumt. Sie wurden bereits während des Baus zur Befestigung der Böschung gepflanzt. Wenn sich die Kronen dieser majestätischen Bäume über dem Wasser berühren fährt man durch grüne Naturbögen. Und immer wieder (besonders in der Abendstimmung ergeben sich durch die Spiegelungen wunderbare Bilder auf der Wasseroberfläche). Wer am Steuer steht darf sich allerdings nicht zu sehr von der Umgebung rundherum ablenken lassen –denn die herunterhängenden Äste können rasch zur Gefahr werden: Schneller als man denkt sind Fotoapparate, Sesseln oder die Räder davongefegt. Und auch Sonnenschirme im Wasser sind Zeugnisse von solchen Unachtsamkeiten.

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Schleusen – die Herausforderung

Die ruhige Idylle wird jäh unterbrochen wenn der Ruf ertönt: „Schleuse in Sicht“. Der Blick durchs Fernglas zeigt, ob das Schleusentor geschlossen oder geöffnet ist. Bei etlichen Anlagen gibt es auch eigene Ampeln, die wie bei einer Verkehrsampel rote oder grüne Signale anzeigen. Unsere Route führte uns vom Port Cassafier am Mittelmeer Richtung Toulouse bis zum Städtchen Castelnaudary – und das bedeutet sog. „Aufwärts – Schleusen“.

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Langsam nähern wir uns jedes Mal dem mächtigen Schleusentor und das Manöver beginnt. Jeder Schleusenvorgang ist wie ein kleines Projekt zu sehen: Klare Aufgabenverteilung, klare Kommandos und perfektes Teamwork sind jetzt besonders gefragt. Unpräzise Kommunikation führt zu Missverständnissen, die angesichts der schnellen Abfolge der notwendigen Aktivitäten zu Problemen führen können.

Bei der Annäherung an die Schleuse werden zwei Crewmitglieder an Land abgesetzt und gehen zur Fuß Richtung Schleuse. Ist das Schleusentor bereits offen können wir gleich einfahren, sonst muss das Boot gut festgemacht werden, damit es beim Ablassen des Wassers nicht herumgebeutelt wird. Je nachdem wie viele Boote in die Schleusenkammer einfahren gilt es rasch zu entscheiden, an welcher Stelle man anlegen möchte. Geschicktes Manövrieren ist jetzt besonders wichtig, denn die anderen Bootsfahrer schätzen es nicht sehr, wenn man an ihre Boote anfährt.

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Neben unserem Boot ragt die Mauer der Schleusenkammer in die Höhe. Nun gilt es, die Leinen unseres Bootes hinauf zu unseren beiden Crew-Mitgliedern zu werfe, damit sie diese um die Poller fixieren können. Da zeigt sich sehr schnell, wer in der Disziplin „Lassowerfen“ bereits Erfahrung hat. Nicht immer reicht der Schwung aus und die Leinenenden finden ihren Weg nicht nach oben, sondern landen im Wasser. Jetzt sind sie nass und damit auch rutschig.

Das Wasser läuft von oben mit großem Druck in die Schleusenkammer ein und der Wasserschwall trifft unser Boot zunächst von vorne. Je nach Beschaffenheit der Anlage wird der Wasserstrom am unteren Schleusentor reflektiert und erfasst nun von der anderen Seite unser Boot. Leinenmannschaft und Steuermann sind nun gefordert, das Boot stabil zu halten.

Am Canal du Midi gibt es bei den Schleusenanlagen immer wieder Besonderheiten: Zweier- oder Dreier- oder Viererschleusen. Das heißt mehrere Schleusenkammern liegen hier hinter-einander, um größere Höhendifferenzen zu überwinden. Die berühmteste Attraktion in diesem Zusammenhang ist die historische Schleusentreppe von Foncerannes mit ursprünglich sieben Schleusen. Heute sind davon noch sechs in Betrieb mit deren Hilfe die Schiffe an dieser Stelle knapp 14 Meter aufsteigen.

Insgesamt hatten wir bei unserer Fahrt am Canal du Midi 53 Schleusen zu passieren. Da weiß man dann nach einiger Zeit, worauf es ankommt. Und dennoch stellten wir bei jeder Schleuse fest, dass es immer wieder Optimierungsmöglichkeiten gibt…

Schleusenwärter – wichtig und kreativ

Die Schleusenwärter, die die Tore vielfach mit Fernbedienung bedienen, sehen dem ganzen Treiben gelassen zu. Sie haben wahrscheinlich schon die vielfältigsten „Manövertechniken“ erlebt. So unterschiedlich die Anlagen von der Technik her sind, so unterschiedlich haben die Wärter ihr Refugium gestaltet. Neben dem schmucken Wärterhäuschen befinden sich manchmal sehr gepflegte Blumenbeete. Bei einer Schleuse gibt es etliche lustige Figuren aus Metall, die sich im Takt bewegten. Andere Schleusenwärter haben kleine Verkaufsstände errichtet, wo sie Spezialitäten und Weine aus der Region anbieten.

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So unterschiedlich die Art der Schleusenwärter oder Wärterinnen ist (manche Schleusen werden von jungen Mädchen bedient) – eines haben sie alle gemeinsam: ihre Mittagspause! Dann gibt es definitiv keine Weiterfahrt. Jeden Abend besprechen wir daher die Route für den nächsten Tag und überlegen, wie weit wir kommen möchten und wo wir einen Landspaziergang einplanen.

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Das Leben an Bord

Wenn sich das doch nicht vermeiden lässt, ist es am besten man tut es dem Schleusenwärter gleich und gönnt sich auch eine Pause. Bereits während der Fahrt wird in der Küche mit der Zubereitung einfacher Gerichte begonnen. Die gemütlichen Mittagessen am Sonnendeck mit Blick auf das grüne Wasser sind wahrlich der Inbegriff von Ruhe und Gelassenheit.

Diese Ruhe findet am Abend ihre Vollendung in stimmungsvollen Anlegestellen in der Natur. Besonders romantische Augenblicke erleben wir bei unseren Abendessen an Bord: Eine Entenfamilie umkreist unser Boot, die untergehende Sonne spiegelt sich im Wasser und aus der Kabine dringt leise Panflötenmusik nach oben. Bei Kerzenlicht und französischen Rotwein lassen wir den Tag ausklingen und besprechen den nächsten Streckenabschnitt.

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Dazwischen haben wir auch Übernachtungen in Hafenanlagen. Das braucht man von Zeit zu Zeit, um Wasser zu tanken und die Stromversorgungen zu nützen. Daneben bietet eine Marina auch Gelegenheit für ausgiebiges Duschen. Außerdem ist es nett, in den kleinen Lokalen am Hafen, einheimische Spezialitäten zu verkosten und interessante Informationen oder Tipps von anderen Bootsfahrern zu bekommen.

Instinktiv habe ich beim Schlafengehen am Beginn der Reise immer wieder auf das Schaukeln des Bootes gewartet – aber das fällt hier weg. Das Boot liegt ruhig und stabil. Am Morgen werde ich vom Schnattern der Enten geweckt und der Blick durch das Kajütenfenster fällt auf die Spiegelung der Bäume im Wasser. Der Frühstückstisch wird gemeinsam gedeckt – und auch für Morgensport ist gesorgt: Das erste Fahrradrennen zur nächsten Bäckerei.

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Gemeinsam mit Michael fahre ich in´s nächste Dorf, um frische Croissants und Baguettes zu besorgen. In den kleinen Lebensmittelgeschäften bleibt immer ein wenig Zeit, um mit den Leuten in´s Gespräch zu kommen. So wie am Kanal geht es auch in den Geschäften gemütlich zu. Stolz berichtet uns ein Kaufmann, dass der Laden von seiner Familie bereits in der fünften Generation betrieben wird und zeigt uns gleich Fotos von seinen Vorfahren.

Für Abwechslung ist gesorgt

Eine Hausbootfahrt – und das wird bereits jetzt deutlich – ist zwar geruhsam, aber sicherlich nicht langweilig. Neben den Schleusen sorgt auch die Wasserstraße selbst für besondere Perspektiven. Das ist immer dann der Fall, wenn der Canal du Midi einen Fluss kreuzt. Beispielsweise fahren wir bei der Stadt Beziers hoch oben auf dem Aquädukt, während unter uns der Fluss Orb fließt. Gleichzeitig haben wir einen wunderschönen Blick auf die Altstadt mit der Kathedrale St. Nazaire. Eine weitere Attraktion befindet sich hinter der Stadt Colombiers: der Tunnel von Maplas. Er ist 161 Meter lang und der älteste Bootstunnel der Welt.

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Nicht nur am Wasser, auch am Land ist für Abwechslung gesorgt. So radeln einige von uns manchmal am Treppelweg neben dem Hausboot her, das sie tuckernd begleitet. Die Fahrräder bieten aber auch die Möglichkeiten, die malerischen Städtchen entlang des Kanals zu besuchen. So kommen wir beispielsweise zu dem kreisrunden Feld von Montady. Von der Burg am Hügel können wir die geometrisch angelegten Felder gut erkennen, die wie Tortenstücke aussehen. Ein besonderes Erlebnis an diesem Sonntag sind das Seifenkistenrennen in der Stadt sowie das bunte Treiben beim Flohmarkt. In Capestang ist es wiederum die Kathedrale mit ihren bunten Glasfenstern, deren Farben durch die hereinscheinende Sonne besonders kräftig leuchten.

Die Festungsstadt Carcassonne

Der Höhepunkt unserer Besichtigungen bildete zweifelsohne die Festungsstadt Carcassonne, deren Konturen wir schon von weitem von Boot aus sehen konnten. Zwischen dem 13. und 17. Jhdt. war dies die bedeutendste Wehranlage des gesamten Südens.

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Eine drei Kilometer lange doppelte Mauer umschließt diese imposante Anlage mit ihren 53 Türmen. Wir verbringen fast eineinhalb Tage in dieser Stadt und haben am Samstag die Gelegenheit, das bunte und fröhliche Treiben am Markt zu beobachten.

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