Myanmar (Burma)
Traditionelles Leben in den Dörfern
Artig in einer Reihe stehen die Kinder am Straßenrand. Stumm warten sie, bis Esther, unsere Reiseleiterin, vorbeikommt und ihnen praktische Geschenke für den Alltag überreicht. Wir sind in Myanmar unterwegs – und Esther hat uns aufgetragen, alles, was wir in unseren Hotels nicht verwendet haben, etwa Zahnpasta, Seifen oder Zahnbürsten, mitzunehmen, damit sie es in den Dörfern verteilen kann.

Esther hat mehrmals gemeint, „Myanmar lebt noch immer im 19. Jahrhundert“. Und tatsächlich: An vielen Orten glaubt man, die Zeit sei stehengeblieben. So sehen wir viele Ochsenkarren als Transportmittel, und die Felder werden mit dem Holzpflug bestellt, der ebenfalls von Ochsen gezogen wird. Rund zwei Drittel der Erwerbstätigen sind in der Landwirtschaft beschäftigt. Durch die lange Isolation und zentrale Planwirtschaft ist das Land, das früher Burma hieß, ökonomisch zurückgeblieben.

Die traditionellen Bauernhäuser sind auf Stelzen errichtet, vielfach mit tragender Teakholzstruktur, Bambuswänden und Strohdach. Der erhöhte Bau schützt nicht nur vor Überschwemmungen, sondern bietet zugleich unter dem Haus Raum für Geräte, Speicher und Viehunterstände. Der Alltag richtet sich nach Regenzeit, Trockenzeit, Bodenbeschaffenheit und Wasserverfügbarkeit.
Viele Männer tragen einen Lungi. Dieses nationale Kleidungsstück besteht aus einer knapp zwei Meter langen und einen Meter breiten Stoffbahn, die durch Falten und Knoten am Bund befestigt wird. Aufgrund des leichten Stoffes ist dieser Wickelrock ideal für das heiße Klima.
Bei den Frauen und Mädchen fällt uns die schöne „Gesichtsbemalung“ auf. Diese Thanaka genannte Gesichtsfarbe ist eine Paste in unverwechselbarem Hellgelb-Weiß. Thanaka wird aus der Rinde verschiedener Bäume wie dem Holzapfelbaum hergestellt. Dazu wird ein kleines Stück Holz oder eine Wurzel auf einer Steinplatte zerrieben und mit etwas Wasser vermischt. Die so entstehende cremige Masse wirkt als natürlicher Sonnenschutz. Sie lässt sich auf vielfältige Weise auftragen. Junge Frauen geben sich besondere Mühe, und so zieren manchmal kunstvollen Zeichnungen von Blättern oder Blüten das Gesicht.

Buddhismus prägt den Alltag
Fast jedes burmesische Dorf unterhält mindestens einen Kyaung, ein buddhistisches Kloster, das meist mit einer Klosterschule verbunden ist. Der Buddhismus ist heute die anerkannte Religion von etwa 99 Prozent aller Burmesen.
Der entscheidende Durchbruch für die Verbreitung der Lehre kam im 11. Jahrhundert im Reich von Bagan. Der damalige König Anawrahta (der ab 1044 regierte) ließ sich zum Theravada-Buddhismus bekehren und wurde zu einem glühenden Verehrer Buddhas. Er förderte diese Lehre im ganzen Reich und ließ Tausende Tempel, Pagoden und Klöster errichten.

Seit dieser Zeit prägt der Buddhismus wesentlich Geschichte, Kultur und Identität des Landes. Tempel, Klöster, Mönchsgemeinschaften und religiöse Feste sind auch heute noch Bestandteil des Alltags. Es gibt etwa eine halbe Million Mönche, Nonnen und Novizen, die hohes Ansehen genießen. Manche gehen für ein paar Monate ins Kloster, manche für ein ganzes Leben. Viele Familien sehen es als Ehre an, wenn ein Sohn zumindest für eine gewisse Zeit im Kloster lebt. Neben dem religiösen Unterricht übernehmen Klöster auch wichtige Bildungsaufgaben.
Bagan – das größte „Trümmerfeld“ Asiens
Im Zentrum Burmas folgen wir der Geschichte des Landes. Es ist eine der Grundideen des Buddhismus, dass nichts andauert, dass sich alles dauernd verändert. Dieser Idee folgend verlegte fast jeder König den Sitz seiner Regierung. Gleichzeitig wollten die Herrscher durch den Bau neuer Städte ihre eigene Legitimität sichtbar machen.
Wir begeben uns auf einen 1947 gebauten Raddampfer und fahren den Irrawaddy-Fluss stromaufwärts bis nach Bagan. Bereits im 2. Jahrhundert n. Chr. wurde von den Pyu der Grundstein für die Stadt gelegt, die dann vom 11. bis zum 13. Jahrhundert die Hauptstadt eines prächtigen Reiches wurde, das die ganze Irrawaddy-Ebene umfasste.
Neben Angkor und dem Borobudur zählt Batan zu den herausragendsten sakralen Baukomplexen in Südasien. Die Blütezeit Bagans ist untrennbar mit König Anawrahta verbunden. Als er das Mon-Reich eroberte, nahm er nicht nur den dortigen König und dessen Hofstaat mit, sondern brachte auch viele Handwerker nach Bagan. So wurde die riesige Tempelstadt zu einer der prächtigsten Metropolen Asiens. Binnen rund 200 Jahren wurden in der Ebene von Bagan an die 13.000 Tempel, Pagoden, Klöster und andere religiöse Gebäude
errichtet. 700 Jahre später gibt es davon „nur“ noch 2.000 und wir können hier das größte buddhistische Ruinenfeld der Welt bestaunen.

Einer der schönsten und am besten erhaltenen Tempel ist der Ananda. Über einem quadratischen Zentralbau erheben sich sechs nach oben hin kleiner werdende Terrassen. Der zentralen Pagode sind vier kleinere nachgebildet, die die Ecken des Daches schmücken. Das alles erweckt den Eindruck einer von vielen Bergspitzen gekrönten Himalaya-Landschaft.
Am Abend erklimmen wir einen höher gelegenen Tempel. Von oben erleben wir, wie sich die unzähligen Monumente des Ruinenfeldes in der Sonnenuntergangsstimmung rotleuchtend aus der weiten Ebene erheben.
Die Königsstädte im Spiegel der Zeit
Die enge Verbindung von Königtum und Religion in Myanmar wurde auch in der Stadt Sagaing deutlich sichtbar, die von 1315 bis 1364 für kurz Zeit Residenz der Myanmar-Könige war. Sagaing ist auch heute noch ein Zentrum buddhistischer Gläubigkeit. Hier zieht sich zurück, wer meditieren will und für kurze Zeit dem hektischen Leben entsagen möchte. An den Hängen von Sagaing sehen wir wie auf einer Schnur aufgefädelt rund 600 Klöster und unzählige Tempeln und Stupas. Mehrere tausend Mönche leben in dieser malerischen Landschaft.
1364 verlegte König Thado Minbaya seine Residenz nach Ava, das über vier Jahrhunderte Hauptstadt des Reiches blieb. Stilgerecht fahren wird mit einer Pferdekutsche durch die Stadt, die allerdings wenig vom alten Glanz erhalten konnte, weil die Könige bei ihrem Residenzwechsel die alten Teile der verlassenen Stadt zum Aufbau ihrer neuen Königsstadt verwendeten. Wegen der oftmaligen Verlegung der Hauptstadt waren die Klöster ursprünglich aus Teakholz errichtet und konnten so abgebaut und in die neue Hauptstadt verlegt werden.

Von allen Königsstädten in der Nähe von Mandalay ist Amarapura die jüngste.1783 gründete König Bodawpaya den Ort als neue Hauptstadt und löste damit Ava ab. 1841 wurde Amarapura ein weiteres Mal Hauptstadt, bevor es in den späten 1850er Jahren endgültig für Mandalay aufgegeben wurde.
Südlich der Stadt befindet sich der Taungthaman-See, der während des Winterhalbjahres austrocknet und fruchtbares Agrarland hinterlässt. Das Gewässer überspannt die 1,2 Kilometer lange U-Bein-Brücke, die aus den restlichen Teakbrettern von Ava errichtet wurde. Sie ist die längste Teakholzbrücke der Welt und nach dem Bürgermeister von Amarapura
benannt, der sie Ende des 18. Jahrhunderts erbauen ließ. Wir sind erstaunt, dass sie heute noch immer so robust ist wie zur Zeit ihrer Errichtung.
Das größte Buch der Welt
Die Gründung der letzten Königsstadt geht auf König Mindon zurück. Dieser beschloss 1857, seine bisherige Hauptstadt Amarapura zu verlassen und in das fünf Kilometer entfernte Mandalay zu ziehen, das damals noch ein kleines Dorf war. Unter Androhung der Todesstrafe mussten alle 15.000 Einwohner von Amarapura mit dem König übersiedeln. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die Stadt Sitz des burmesischen Königs und ist auch heute noch kulturelles Zentrum des Landes.
Am Fuße des Mandalay-Hügels ließ König Mindon die Kuthodaw-Pagode nach dem Muster der Schwezigon-Pagode von Pagan errichten. In altindischer Tradition hatte der König 1871 die fünfte Buddhistische Weltsynode nach Mandalay einberufen. Bei dieser Versammlung einigte man sich auf eine einheitliche Fassung der Tripitaka. Im Laufe von acht Jahren gravierte man den von der Versammlung autorisierten Text auf Marmortafeln ein. Insgesamt entstanden so 729 Marmorplatten, die in offenen, kleinen Pagoden stehen. Daher wird diese Anlage in Mandalay auch das „größte Buch der Welt“ genannt.

Daneben erleben wir in der Stadt noch ein „goldenes Wunder“: Die Mahamuni-Pagode mit der ältesten und größten bronzenen Buddhafigur des Landes. Der Legende nach besuchte Buddha selbst im Jahr 554 v. Chr. die Stadt Dhanyawadi in Arakan. Dessen König bat darum, eine Statue von ihm anfertigen zu lassen. Nach ihrer Fertigstellung hauchte Buddha sie an, und fortan nahm die Statue sein genaues Ebenbild an.
Der Tempel ist das wichtigste buddhistische Pilgerziel im Norden. Die Figur des „Erhabenen Weisen“ (was Mahamuni bedeutet) zieht jährlich Tausende Pilger an. Den ganzen Tag über kleben sie Goldblättchen auf den Körper der Figur, die dadurch schon unförmig geworden ist. Auch wir schließen uns dieser Tradition an und kleben ehrfürchtig unsere erstandenen Goldblättchen an. Die Goldschicht an der Statue soll bereits zwischen 25 und 30 Zentimeter dick sein, das Gewicht des aufgeklebten Goldes wird auf mehrere Tonnen geschätzt.

Blattgoldhämmerei
Wir haben auch die Chance zuzusehen, wie dieses viele Blattgold hergestellt wird. Schon von Weitem ist das rhythmische Klopfen der Hammerschläge aus der Werkstatt deutlich zu hören. Das aus dem Norden stammende Gold wird auf einem Marmorblock zu Papierdicke
breitgeschlagen. Wir sind erstaunt, wie viel Kraft in den schmächtigen Männern und Frauen steckt. Zielsicher lassen sie den drei Kilo schweren Hammer auf das eng geschichtete und in Hirschleder verpackte Gold aufprallen.

Nochmals geschlagen und halbiert, werden die Goldblättchen dann mit Pinzetten zwischen Bambuspapier gelegt und gestapelt. Ein Stoß von zwei Zentimetern enthält hundert Folien. Diese sind nun so hauchdünn, dass man durch sie durchschauen kann. Sie haften sofort auf der Haut, wenn man sie anfasst. So werden aus einer Unze Gold zehn Quadratmeter Folie hergestellt.
Geisterverehrung
Neben dem Buddhismus haben die Nats im Alltag der Bevölkerung eine wichtige Stellung. Das birmanische Wort „nat“ leitet sich aus dem Sanskrit-Wort „natha“ ab, das Herr oder Wächter bedeutet. Es handelt sich um Naturgeister, aber auch um Geister von Personen, die eines tragischen Todes gestorben sind.
Insgesamt werden 37 verschiedene Nats verehrt, sie bestimmen bis heute den rituellen Alltag der Menschen. So gibt es beispielsweise Geister des Hauses, der Luft, des Wassers oder des Waldes. Sie haben allesamt menschliche Züge und Wünsche. Es gibt gute und hilfreiche oder böse und schlechte Geister. Die Birmesen glauben, dass zornige Nats schreckliche Gräuel in ihr Leben bringen können, wenn sie nicht geachtet und verehrt werden.
Vor allem in den Dörfern ist die Anbetung der Nats sehr verbreitet. In vielen Häusern gibt es einen eigenen Schrein, wo Früchte oder Weihrauch geopfert werden. Aber auch in etlichen Pagoden und Tempeln steht ein Altar für die Nats. Zu ihrer Verehrung gibt es auch spektakuläre Feste. Zufällig kommen wir an einem farbenprächtigen Festumzug vorbei, bei dem es mit lauter, ekstatischer Musik und Trommelwirbel sehr turbulent zugeht.

Der wichtigste Pilgerort für die Verehrung der Nats ist der Mount Popa in der Nähe Bagans. Bei großer Hitze mühen wir uns den Weg hinauf zum 737 Meter hohen Vulkankegel. Immer auf der Hut vor den vielen Makaken, die entlang des Weges herumtollen. Wegen dieser Tiere wird der Mount Popa auch Affenberg genannt. Oben gibt es einen Schrein zur Verehrung der 37 Nats und wir genießen einen grandiosen Ausblick auf die Landschaft.
Bei den Inthas am Inle-See
Unsere Reise führt uns weiter in den Osten, wo sich der Shan-Staat befindet. Dort erheben sich im Hochland die meisten Berge von Myanmar. Daher wird diese reizvolle Hügellandschaft von den Einheimischen die „burmesische Schweiz“ genannt.
Von den Bergen aus erblicken wir eine weite, glitzernde Wasserfläche, die sich wie ein Spiegel zwischen den Hügeln ausbreitet: den Inle-See. Er liegt auf einer Höhe von 1.000 Metern und ist rund 14 Kilometer lang. Das wahre Ausmaß ist schwer zu erkennen, da er von einem bis zu fünf Kilometer breiten Gürtel aus Wasserhyazinthen, Schilf und Schlamm umgeben ist.

Mit dem Boot fahren wir durch enge Kanäle, die in das Schilf geschlagen sind, zu unserem Quartier. Wir kommen an mehreren Stelzendörfern vorbei, deren kräftigen Rot- und Blautöne sich malerisch im Wasser spiegeln. Alles spielt sich hier am Wasser ab und die Kinder winken uns fröhlich zu. Am See befinden sich an die 100 Dörfer mit etwa 8.000 Einwohnern. Die hier lebenden Menschen haben im 13. Jahrhundert ihre ursprüngliche Heimat in Südburma verlassen, um nicht im ständigen Konflikt zwischen Thais und Burmesen aufgerieben zu werden. Erst nachdem sie sich am Inle-See niedergelassen hatten, nannten sie sich Inthas, was so viel bedeutet wie „die Söhne des Sees“.
Auch unser Quartier ist auf Pfählen errichtet, so dass wir direkt über dem Wasser leben. Von der kleinen Terrasse aus erleben wir früh am Morgen ein faszinierendes Naturschauspiel: Ein leichter Nebel liegt über dem Wasser, und ringsherum herrscht vollkommene Stille, bis auf das leise Plätschern der Wellen gegen die Pfähle unseres Holzhauses. Wir sehen, wie die ersten Fischer auf den See hinausfahren und die ersten Sonnenstrahlen den Morgendunst ablösen.
Tagsüber erkundigen wir mit Langschwanzbooten den See. So haben wir Gelegenheit, aus nächster Nähe die „Einbeinruderer“ zu beobachten. Die Technik, mit der die Intha-Männer ihre Boote vorwärtsbewegen, ist weltweit einmalig: Balancierend stehen sie mit einem Bein am Heck ihrer kleinen Boote. Das andere Bein haben sie um das Paddel geschlungen und manövrieren damit das Boot durch eine schraubenartige Bewegung vorwärts. So haben sie immer eine Hand frei zum Fischen, wobei sie konische Fischreusen benutzen.

Unser Bootsmann führt uns durch ein Labyrinth aus Wasserwegen mit schwimmenden Gärten. Wild wachsende Wasserhyazinthen bildeten im Laufe der Zeit einen natürlichen Teppich, in dessen Wurzeln sich der Schlamm zu einer Erdschicht verdichtete. Auf diese Weise entstanden im Laufe der Zeit schwimmende Gärten, die in Streifen – 100 Meter lang und einen Meter breit – zurechtgeschnitten wurden. Sie können daher nur vom Boot aus bearbeitet
werden. Hauptsächlich werden hier Gemüse, Tomaten, Gurken, Bohnen und Blumen angebaut.
Die Inthas zählen zu den wohlhabendsten Stämmen Burmas, und sie haben einen ausgezeichneten Ruf als Handwerker. Wir besuchen eine Schmiededorf sowie eine Weberei, wo die Frauen mit viel Geduld die beliebten Shan-Schultertaschen und -Longyis herstellen. In einem anderen Dorf hat man sich auf die Herstellung von Zigarren spezialisiert, die auf traditionelle Weise gerollt werden.
Die wichtigste Bevölkerungsgruppe sind hier die Karen. Ein ganz spezielles Volk bildet der kleine Stamm der Padong. Sie sind weithin bekannt wegen ihren Frauen mit den langen Hälsen. Die „Giraffenfrauen“ tragen überdimensionale, bis zu neun Kilo schwere Messingringe, die bewirken sollen, dass ihre Hälse länger werden, was als besonderes Schönheitsideal gilt. Bereits den Mädchen zwischen fünf und neun Jahren wird der erste Messingring um den Hals geschmiedet, die nächsten folgen jährlich, bis sie heiraten und der Hals dann fast 20 Zentimeter lang ist.

Am nächsten Morgen haben wir Gelegenheit, am schwimmenden Morgenmarkt teilzunehmen, der sich am See abspielt. Die verschiedene Stammesgruppen in unterschiedlichen Trachten sind ein Fest für Fotografen. Dicht aneinander liegen die bunten Boote. Frauen mit traditionellen Kopftüchern verkaufen frisches Obst, Gewürze und handgefertigte Waren. Es ist ein lebendiges, aber zugleich entspanntes Treiben.
Goldene Wunder zum Abschluss
Am Ende unserer Reise erwarten uns noch zwei besondere kulturelle Höhepunkte: die Shwedagon-Pagode und der Goldene Felsen. Bereits aus der Ferne sehen wir den riesigen goldbedeckten Stupa, der majestätisch die frühere Hauptstadt Yangon überragt. Das Alter der Shwedagon-Pagode wird auf mehr als 2500 Jahre geschätzt. „Shwe“ bedeutet auf Burmesisch Gold, „dagon“ ist der alte Name für Yangon, und „paya“ heißt Pagode.
Vor allem die Spenden der Mon-Könige von Bago verliehen dem goldenen Wunder seine Pracht. So wird zum Beispiel von einer im 15. Jahrhundert regierenden Königin überliefert, dass sie ihr Körpergewicht mit Gold aufwiegen ließ und dieses dann für die Pagode spendete. Die zierliche Herrscherin brachte es zwar nur auf 45 Kilo, doch das genügte damals, um die Pagode ganz zu vergolden. Jedes Jahr zum Ende der Fastenzeit wird nun für die Pagode viel Gold gespendet. Der letzte königliche Stifter war König Mindon, der im Jahre 1871 den mit Edelsteinen besetzten Schirm auf der Spitze der Pagode spendete. Auch der zehn Meter hohe Ehrenschirm ist vergoldet und mit 1.090 Diamanten besetzt. Das Prunkstück ist ein Diamant mit 76 Karat Gewicht.

Die Pagode selbst steht auf einem 50 Meter hohen Hügel und ist rund 100 Meter hoch. Wir erreichen die Schwedagon-Pagode über den Südaufgang, am Eingang stehen zwei mythologische Figuren. So wie die Gläubigen ziehen auch wir unsere Schuhe aus. Der Fußboden der Plattform ist angenehm warm. Wir machen gleichsam Schritte in eine andere Welt: Entlang der 104 Stufen befinden sich Verkaufsstände, an denen kleine Buddha-Statuen, Gebetsketten, Räucherstäbchen sowie kleine goldene Plättchen angeboten werden.
Oben angekommen, sind wir überwältigt von der der Vielfalt und Farbenpracht der Gebetshäuser und Pagoden. Verwirrende Schönheit geht auch von den Etagendächern aus, bei denen ein Dach in jeweils verkürzten Maßen über dem anderen steht, was den stufenweisen Weg der Heilsgewinnung symbolisieren soll. Der zentrale Stupa ist vollständig mit Gold bedeckt und reflektierte das warme Licht der Sonne.
Die Pagode brilliert nicht nur mit ihrer Architektur, sie ist auch einer der berühmtesten buddhistischen Sakralbauten der Welt: Überall vernehmen wir das leise Murmeln von Gebeten. Wir sehen viele Mönche in safranfarbenen Roben und Familien mit ihren Kindern, die ihre blumen- und Rauchopfer darbringen. Hin und wieder erblicken wir eine Gruppe von Frauen, die mit Besen unterwegs sind. Dabei handelt es sich nicht bloß um Reinigungsaktivitäten, sondern um spirituelles Kehren. Obwohl sich hier viele Menschen aufhalten, wirkt alles sehr ruhig und harmonisch.
Rund um die mächtige Pagode befinden sich unzählige kleine Stupas, Tempel und Schreine. Besonders verehrt werden die acht „Wochentagsschreine“, die um die Hauptstupa angeordnet sind. Die Die Verbindung zwischen Wochentag und Identität des Menschen ist im Glauben sehr ausgeprägt. So ist der Wochentag der Geburt oft wichtiger als das genaue Datum, und die Menschen fragen häufig: „An welchem Tag bist du geboren?“ Denn dieser Tag beeinflusst nicht nur die Namensgebung, sondern auch die Persönlichkeitsdeutung und die Wahl von Glückstagen für wichtige Ereignisse wie die Partnerwahl.

Im Unterschied zu unserem Kalender gibt es acht Wochentage, da der Mittwoch in zwei Teile geteilt wird (Vormittag und Nachmittag). Den Wochentagen sind Himmelsrichtungen, Planeten und Tiere zugeordnet. Die Tiere sind nicht zufällig gewählt, sondern spiegeln Charaktereigenschaften wider, die Menschen zugeschrieben werden, die an diesem Tag geboren sind. So gelten etwa am Dienstag Geborene als mutig (Löwe), während am Montag Geborenen Stärke und Entschlossenheit (Tiger) zugeschrieben werden.
Gläubige suchen nun den Schrein auf, der ihrem Geburtstag entspricht. Dort übergießen sie die Buddhafigur, die dem Geburtswochentag entspricht, mit Wasser und sprechen Gebete sowie Mantras. Durch diese Rituale an „seinem“ Tag versucht der Gläubige, Harmonie zwischen sich selbst und den kosmischen Kräften herzustellen. Diese Zeremonien, das leise Klingeln der unzähligen kleiner Glocken im Wind sowie der Duft der Räucherstäbchen versetzen uns in eine eigenartige, schwer zu beschreibende Stimmung mit tiefer innerer Ruhe.
Im Laufe des Abends wird die Pagode voller und voller. Immer mehr Menschen strömen hierher und bitten um Schutz und Glück. Als die Sonne langsam untergeht, verändert sich die
Stimmung erneut. Der Himmel färbt sich in sanften Orangetöne und der goldene Stupa beginnt noch intensiver zu leuchten. Nach und nach werden Lichter eingeschaltet und Kerzen entzündet, was die gesamte Anlage in ein magisches Licht taucht. Und uns wird klar: die Shwedagon-Pagode ist mehr als ein architektonisches Meisterwerk – sie ist ein Ort der Begegnung zwischen Mensch und Spiritualität.
Der Goldene Felsen von Myanmar
Die letzte Etappe führt uns 160 Kilometer von Yangon entfernt in die Höhen der Bergdschungel des Mon-Staates. Dort befindet sich eines der wichtigsten Heiligtümer Myanmars, der sagenumwobene Goldene Felsen. Ausgangspunkt für alle Wallfahrten ist Kyaiktiyo. Um von dort auf die Anhöhe von 1.100 Metern zu gelangen, nehmen wir auf der Ladefläche eines kleinen Lkw Platz. Gar nicht so einfach, denn da herrscht dichtes Gedränge. Außerdem sind die Abstände zwischen den Holzbänken sehr klein. Für die einheimischen Pilger ausreichend Platz – aber für uns größer gewachsene Europäer äußerst unbequem.
Nach einer kurvenreichen Fahrt geht es dann noch knapp eine Stunde zu Fuß hinauf zum Plateau. Der Weg ist gesäumt von kleinen Ständen, Tempeln und Unterkünften. Händler verkaufen Opfergaben und Pilger versammeln sich für ihre Zeremonien. Für viele von ihnen ist dieser Besuch ein wichtiges spirituelles Ziel in ihrem Leben.

Dann erblicken wir plötzlich dieses Naturwunder, es ist ein imposanter Anblick: Der Goldene Felsen ist ein riesiger Granitblock, vollständig mit Blattgold bedeckt. Er steht am Rand einer steilen Klippe, und es sieht aus, als würde er jeden Moment in die Tiefe stürzen.
Kyaiktiyo bedeutet in der Sprache der Mon: „die Pagode auf dem Kopf des Einsiedlers“. Als Erbauer der Anlage gilt König Tissa, der im 11. Jahrhundert lebte. Dazu wird folgende Sage erzählt: In den Bergen lebte damals ein Einsiedler, dem Buddha eines seiner Haare geschenkt hatte. Diese Reliquie verwahrte er viele Jahre lang in seinem Haarknoten. Er gab Tissa das Haar unter einer Bedingung: Der König müsse einen Felsen finden, der genau die Kopfform des Einsiedlers habe. Darauf solle er eine Pagode bauen, in der das Haar aufbewahrt würde. Bei der Suche nach so einem Felsen war der König der Nats behilflich. Er fand den Felsen auf dem Meeresgrund und brachte ihn auf die Spitze des Berges, wo wir ihn nun sehen können.
Auf seiner Spitze thront eine kleine Pagode – die Kyaiktiyo-Pagode – die ebenfalls golden glänzt. Rund um den Felsen herrscht reges Treiben: Männer drängen sich darum, das Gold des Felsens noch schöner glänzen zu lassen, indem sie kleine Goldblättchen an die Oberfläche des Steins ankleben. Wenn sich dann am Nachmittag die Sonne auf der Oberfläche des Felsen spiegelt, hat man den Eindruck, der Stein selbst würde leuchten.
Als die Sonne schließlich untergeht, entsteht eine besondere Atmosphäre: Einige Pilger bleiben über Nacht, um in der Nähe dieses heiligen Ortes zu beten. Leise murmeln sie ihre Gebete und zünden kleine Kerzen an. Eine Szene, die bei jedem von uns einen bleibenden Eindruck hinterlässt.