Uganda
Insgesamt drei Mal habe ich ihn gesehen, den Film „Gorillas im Nebel“. Er handelt von der wahren Geschichte der amerikanischen Forscherin Dian Fossey (gespielt von Sigourney Weaver), die sich bedingungslos für das Leben der Berggorillas einsetzte. Mit der Zeit lernen die Berggorillas Fossey in ihrer Mitte zu akzeptieren. Es gelingt ihr zu filmen wie sie die Berggorillas im Gesicht und an der Schulter berühren und mit ihr kommunizieren, sowie sie ihr Jungtiere anvertrauen, die in ihrem Schoß einschlafen. Dian Fossey war stets bereit, alles für die Gorillas zu tun. Ihr Kampf für die Rettung der Berggorillas kostete sie das Leben. Ihr Vermächtnis lebt aber in den vom Krieg zerrütteten Gebieten Ruandas und Ugandas weiter. Schon vor vielen Jahren reifte in mir der Wunsch, diese Landschaft und diese faszinierenden Tiere in der freien Wildbahn zu erleben.
Vom Aussterben bedroht
Insgesamt gibt es von diesen vom Aussterben bedrohten Tieren weltweit nur mehr 700 Berggorillas. Sie sind sehr scheu Tiere und leben in den nebeligen Bergwäldern Afrikas im Dreiländereck Uganda, Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo. Jedes dieser Länder hat eigene Nationalparks geschaffen, um den Lebensraum der Tiere, nämlich die seltenen Bergregenwälder, vor Abholzung und Wilderei zu schützen.
Um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, die Tiere tatsächlich zu Gesicht hat zu bekommen, besorgen wir uns zwei Permits: eines für den „Bwindi National Park“ in Uganda und ein weiteres für den „Parc National des Volcans“ in Ruanda. Der Ablauf des Gorilla Trackings folgt einem Schema, das sich in den verschiedenen Parks nicht unterscheidet.
Im Folgenden werde ich unser Gorilla Tracking im „Bwindi Impenetrable National Park“ schildern. Er liegt im Südwesten Ugandas, am Rande des Zentralafrikanischen Grabens. Er bildet den Lebensraum von an die 340 Berggorillas, das ist etwa die Hälfte der gesamten Weltpopulation. Von den rund 30 Gorillagruppen sind sechs „habituiert“, d. h. an die Anwesenheit von Menschen gewöhnt. Der 1991 den Berggorillas gewidmete Nationalpark liegt auf einer Höhe zwischen 1.160 und 2.600 Metern. 1994 hat ihn die UNESCO in die Liste des Weltnaturerbes aufgenommen.
Genaues Briefing
Nach einer kurzen Fahrt von unserer Lodge in Bwindi zum Park Headquarter erklärt uns ein Ranger eindringlich, wie wir uns bei einer Begegnung mit den Berggorillas zu verhalten haben. Näher als sieben Meter dürfen wir an die Tiere nicht heran. Damit wir lernen diesen Mindestabstand richtig einzuschätzen, üben wir an einem Betonband, das sich am Gelände befindet. An einem Ende kann man sich auf einen Betonschuh stellen und sieht am anderen Ende einen aus Beton gegossenen Gorilla. Unser Besuch bei den Tieren wird außerdem auf eine Stunde beschränkt.

Personen mit angeschlagener Gesundheit dürfen nicht mitkommen, denn selbst ein harmloser Schnupfen könnte den Tieren gefährlich werden. Schnelle Bewegungen oder lautes Sprechen sollen wir vermeiden. Es könnte die Tiere stören oder provozieren. In der Vorbereitung erscheinen mir diese Erklärungen übertrieben, doch meine Ansicht sollte sich bald ändern…
Zu acht versammeln wir uns vor dem Schild mit der Aufschrift „Habinyanja Group“. Anhand von Fotos zeigen uns die Guides jedes Tier der Gruppe, dem wir begegnen werden und erzählen uns seine Geschichte. Die Gruppe Habinyanja besteht aus 17 Mitgliedern, vier Babys und einem Silberrücken.
Auf Gorillapirsch
Nach dieser Einführung steht unserer Gorillapirsch nichts mehr im Wege. Voll freudiger Erwartung verabschieden wir uns von unseren Freunden, die mit der anderen Gruppe unterwegs sind. Die Dauer des Anmarsches kann man uns vorher nicht genau sagen. Normalerweise können die Spurensucher die Tiere innerhalb von ein bis zwei Stunden lokalisieren – es können aber auch vier bis fünf Stunden werden.

Träger und ein mit einem Gewehr bewaffneter Soldat begleiten uns im zügigen Tempo durch den Urwald. In der Nacht hat es in Strömen geschüttet. Der Weg durch den Urwald ist nass und tief, unentwegt tropft es von den Bäumen, auch wenn es schon lange aufgehört hat zu regnen. Unter dem Regenschutz wird es unangenehm heiß. Konzentriert folgen wir Schritt für Schritt unserem Guide durch das undurchdringliche Dickicht, das er mit der Machete für uns teilt.
Bald ist uns klar, warum dieses Gebiet als „Impenetrable National Park“ bezeichnet wird. Der Weg wird immer matschiger und rutschiger. Immer wieder versinken wir im schlammigen Boden. Wie lange der kräfteraubende Marsch dauert, bis wir auf die Gruppe stoßen, ist ungewiss. Wir sind glücklich, die Tipps unserer Reiseleiterin Christine befolgt zu haben, die neben Wanderstöcken, Regenschutz und festem Schuhwerk auch die Mitnahmen von Gamaschen empfohlen hat.
Die Fährtenleser orientieren sich am letzten Schlafplatz der Gruppe. Von den Schlafnestern ist es meist nicht mehr weit bis zum aktuellen Aufenthaltsort. Per Funk informieren sie die Guides, in welche Richtung sie die Touristen führen müssen.
Wir haben Glück, nach einer knappen Stunde Fußmarsch heißt es: Rucksäcke und Stöcke ablegen, Fotoapparate im Anschlag. Die Spannung steigt. Wortlos folgen wir dem Guide bis er plötzlich den Arm nach oben reißt. Unsere Blicke folgen seinem gestreckten Zeigefinger in die Baumwipfel hoch über uns. Tatsächlich: Wir erspähen mit Mühe Gorillas beim Fressen. Durch das Gestrüpp aus Blättern und Ästen sind sie nur schwer zu erkennen. Sie machen auch keine Anstalten, von ihrem „Hochsitz“ herunter zu kommen. War das alles?

Unsere Enttäuschung ist groß. Unser Guide bringt uns zurück zum Rastplatz. Wir warten. Nur eine Stunde! Dieser Gedanke ist immer präsent. Wie schnell die Zeit vergeht! Noch 15 Minuten, dann ist unser Besuch bei den Berggorillas vorbei. Endlich über Funk die Nachricht – Aufbruch! Durch dichten Wald und dorniges Gestrüpp arbeiten wir uns vor bis zur angegebenen Stelle.
Den Gorillas ganz nahe
Äste brechen, es raschelt im Blätterdickicht. Die Gorillas klettern von den Bäumen. Wir folgen ihrem Weg, den die Macheten unserer Begleiter für uns bahnen. Plötzlich steht er vor uns: der Silberrücken mit gewaltigen Schultern, einem riesigen Kopf – mindestens 200 Kilogramm Lebendgewicht! Wir staunen atemlos, restlos begeistert und trotzdem ganz ruhig.

Wir Fotografen sind damit beschäftigt, diesen Augenblick mit unseren Kameras einzufangen und festzuhalten. Im Wald ist es finster. Gestrüpp verdeckt immer wieder die Sicht. Extreme Kontraste zwischen Hell und Dunkel erschweren das Fotografieren. Geduckt bleiben, nicht aufrichten, keine schnellen Bewegungen…
Der Abstand zu den Tieren ist jetzt bestimmt geringer als die trainierten sieben Meter. Die Berggorillas scheint unser Treiben nicht sonderlich zu stören. Vor uns breitet sich eine friedliche Familienidylle aus.

Ein Weibchen kaut genüsslich an ihrem Bambus. Sie reißt die Pflanze nicht aus, sondern knabbert nur die Blätter ab, die wieder schnell nachwachsen können. Ein Muttertier liegt vor uns auf dem Rücken, ihr Baby im Arm, das mit tollpatschigen Bewegungen immer wieder versucht sich aufzurichten. Wie bei den Menschen unterstützt es seine Mutter dabei, dann dreht sie sich mitsamt dem Jungen auf die andere Seite. Photo please!
Der Scheinangriff
Diese beschauliche Idylle wird jäh unterbrochen! Imposant richtet sich der Silberrücken zur vollen Größe auf, trommelt mit den Fäusten auf seine Brust und kommt mit furchteinflößendem Gebrüll auf uns zu – ein Scheinangriff! Sofort ducken wir uns, den Blick zu Boden, unterwürfig, bewegungslos. (Und nun verstehen wir auch, warum das Briefing so wichtig war). No more photos, please!
Der Ranger ahmt die Laute des Gorillas nach. Das mächtige Tier beruhigt sich. Es kehrt an seinen Platz zurück. Ein Weibchen gesellt sich zu ihm. Der Silberrücken beginnt das Weibchen und ihre Jungen zu kraulen. Seine Privatsphäre ist wieder gewahrt. Auch bei uns hat die Spannung wieder nachgelassen. Wir freuen uns, auch so eine Situation erleben zu dürfen. Und natürlich auch darüber, dass Guide und Reiseleiterin mit unserem Verhalten in dieser Situation zufrieden waren…
Ein Abschied
Gerne wären wir noch länger geblieben, doch unser Guide mahnt zum Aufbruch. Berührt von dieser ungewöhnlichen Begegnung machen wir uns schweigend auf den Rückweg. Immerhin teilen wir 97 Prozent unserer Gene mit diesen Geschöpfen.

Zurück aus dem verlorenen Paradies in Bwindi marschieren wir zu Fuß durch das Dorf in Richtung Lodge. Die Zivilisation hat uns wieder. Von Ferne ertönt Musik und lautes Kinderlachen. Am Straßenrand beobachten wir ein buntes und fröhliches Treiben. Es zieht uns in ein Straßentheater, das Waisenkinder veranstalten. Sie tanzen und gaukeln mit leuchtenden Augen, bieten uns ihre Zeichnungen zum Kauf an. Riesig ihre Freude, wenn einer von uns ein Blatt ersteht. Ich entscheide mich rasch für ein Motiv: die Berggorillas.
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